Das ist meine Freude – gropies gastierten am 07.11.2009 in der Paul-Gerhardt Kirche Alt-Schöneberg

Dieser Artikel wurde im November 2009 im Gropiusstädter Chorspiegel veröffentlicht.

„Die können wirklich alles singen“… So raunte ein sichtlich erstaunter Zuhörer am Ende des Konzertes. 75 Minuten lang präsentierten die gropies berlin unter der bewährten Leitung von Sven Hellwinkel ein ruhiges und höchst anspruchsvolles Programm mit 12 Acappella Motetten aus Barock, Frühklassik und Romantik.

Eingerahmt durch französische Orgelwerke von Balbastre und Lemmens entspann sich ein einfühlsamer und spannender Klangbogen, (brilliant und geschickt einregistrierend: Organistin Lenka Fehl-Gajdosova)

Gleich zu Beginn perfekt dargeboten: Der 100. Psalm „Jauchzet dem Herrn“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, dirigiert vom Chorleitungsassistenten Thorsten Neumann. Wie sich alle Stimmen bis zum solistisch besetzten Doppelquartett einfühlsam aneinander schmiegten – einfach großartig! Auch die russisch orthodoxen Gesänge von Bortniansky und Tschaikowski waren stilecht empfunden in ihrer Ruhe und Tiefe.

Etwas unrund allerdings die Motette „Lehre uns bedenken“ von Johann Hermann Schein aus dessen „Israelsbrünnlein“. Hier merkte man den jungen Chorsängern doch an, dass sie in diesem „Alten Musik“-Genre sich doch noch nicht ganz so wohl und zu Hause fühlen Die Querstände und chromatischen Winkelzüge der phrygischen Eingangskadenz führten leider im Verlauf der Motette eher zu einer intonatorischen Talfahrt denn zu einer lichten Versprechung.

Psalm 43 „Richte mich Gott“ von Mendelssohn erklang danach wieder deutlich frischer, wenn gleich auch hier die eigentlich ruhige, innig fließende Deklamation eines Psalmtons der Männerstimmen eher einer jugendlich-nassforschen Ansprache wich. Doch hier fingen sich im Psalmverlauf die 35 Sängerinnen und Sänger schnell wieder und musizierten binnen weniger Takte im Mittelteil atemberaubend schön, den Psalterklängen Davids entsprechend in flüssiger Diktion und mit beeindruckender Kraft im abschließenden „Harre auf Gott“.

Mit den 3 abschließenden Musikstücken des ersten Teils betraten die jungen Sängerinnen und Sänger altvertrautes Terrain, was man schon an der lockeren Körpersprache wohltuend bemerkte: Aller Augen von Heinrich Schütz in Kopplung mit dem Gospel „Closer still“ waren bereits im Januar in der Martin-Luther-King Gemeinde in der Gropiusstadt zu hören, “Bright eyes“ von Art Garfunkel war nicht umsonst im Mittelteil des Konzertes platziert, soft-poppig arrangiert meinte man doch den üblichen Ablauf der gropies-Konzerte wieder vorauszuahnen.

Das Herrenquintett „Ich und die Anderen“ trug aber zum Abschluss des ersten Teils eine wunderschön gefühlige Soulsolonummer „In your light“ auf, die großen Beifall fand, auch weil alle 5 Männer einzeln Einwürfe präsentierten und sich der Zusammenklang so illuster auffächern konnte. Beeindruckend: Tenor Dirk mit ausdrucksstarkem Solo.

Im 2. Teil überraschten die gropies gleich zu Beginn mit der Doppelmottete „Das ist meine Freude“ des Meininger Bachs, Johann Ludwig. Mit frischem Mut legten und fegten die Sängerinnen und Sänger offensiv Koloraturen an- und ineinander, die ein Favoritenchor solistisch besetzt auf der Orgelempore beantwortete, leider zuweilen nicht ganz synchron. Dirigent Sven Hellwinkel konnte einem etwas leid tun, nichts hielt die Choristen des großen Tuttichores davon ab, das einmal eingeschlagene furiose Tempo zu verlangsamen. Und da hieß es denn „mitgehangen, mitgefangen“, auch für den Dirigenten, der sonst keine Gelegenheit auslässt, Rubati und Pausen dirigentisch auszukosten: Hier hielt ihn sein Chor alttestamentarisch im Schwitzkasten. Eine klitzekleine, pure Freude für den Kritiker, der selbst unter so manchen Dirigenten leiden musste…

Mit dem allerdings furiosen gemeinsam erreichten Schlussakkord legten dann auch die Kirchenglocken los, die für gefühlte 5 Stunden den Fortlauf des Konzertabends fast zu sprengen drohten. Zeit für einen Applaus für die Organistin, die nach der ruhigen Chormotette „Und nun schläfst Du“ von Benedict Goebel mit Brahms „Geistlichem Lied“ mit Text von Paul Fleming zusammen mit dem Chor wieder einen wunderbar schwebenden und ätherischen Chor- und Orgelklang zauberte. Viel Applaus beim gemeinsamen Schluss.

Ein gelungener Abend, dem hoffentlich noch viele solcher einfühlsamer und runder Konzerte folgen werden. Die gropies – einmal nicht nur spiritual-like swingend und poppig – sondern leicht, klangschön und unaufgeregt mit großer Musik.

Einhellige Freude bei Auftretenden und Zuhörern. Und der oben beschriebene ältere Zuhörer ging lächelnd hinaus in den Abendnebel und wiederholte selig: „Die können wirklich alles singen“ …