Überall der Jüngste - Marcus Merkel leitet drei Chöre

Dieser Artikel wurde im Berliner Chorspiegel, Juni 2012 veröffentlicht.

Im Herbst 2006 sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Ich suchte seinerzeit einen Musiker, der zwei Stummfilme auf dem Klavier begleiten sollte. Meine Chorleiterin gab einen Tipp, ich war zunächst skeptisch. Ihre Empfehlung hieß Marcus Merkel und war gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Schon oft hatte ich solche Filmveranstaltungen organisiert und wusste, dass die stimmige Vertonung alter Stummfilme für jeden professionellen Musiker eine Herausforderung ist. Misslungene Versuche hatte ich auch erlebt. Marcus schaffte es, und zwar mit Bravour.

Als er noch keine vier Jahre alt war, konnte Marcus bereits lesen, schreiben und rechnen. Eingeschult wurde er gleich in die zweite Klasse. Nach zwei Jahren war aber schon Schluss mit der Grundschule, Marcus besuchte das Gymnasium, übersprang auch dort eine Klasse und legte im Sommer 2008 das Abitur ab, mit der Note 1 und im Alter von 16 Jahren.

Damals stand längst fest: Marcus will Musiker werden. Seit dem fünften Lebensjahr spielt er Klavier, später kamen Saxophon, Kontrabass, Gitarre und Gesang hinzu. Er dirigiert und erhielt für seine Kompositionen mehrfach Preise. Nach mehreren Semestern an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« studiert Marcus nun an der Universität der Künste im Hauptfach Orchester-Dirigieren. Klassik, Jazz, Rock, Pop – mit nahezu allen musikalischen Genres kann er etwas anfangen.

Und nun ist Marcus Merkel auch noch Chorleiter. Die Proben sind gleichmäßig über die Woche verteilt: Am Montag gibt er für den Männerchor Zeuthen den Takt an. Mittwochs proben die »gropies berlin« in Neukölln. Am Freitag fährt Marcus nach Wittenberge in der Prignitz und dirigiert dort den ehrwürdigen »Arion Chor«, der – 1891 gegründet – exakt 100 Jahre älter ist als sein mir heutiger Leiter.

Drei Chöre? Hätte nicht auch einer gereicht? Marcus Merkel sagt, er hält es für wichtig, unterschiedliche musikalische Felder zu betreten, mit Sängerinnen und - Sängern verschiedener Generationen vielfältige Erfahrungen zu machen. Das beginnt bei den Voraussetzungen der Laiensänger, geht über das Repertoire und endet bei den Konzerten, deren Austragungsorte zwischen Open Air beim Fischerfest am See und Berliner Philharmonie variieren.

Seit Januar 2010 leitet Merkel einen sehr bekannten Chor, die »gropies berlin«. Der gemischte Erwachsenenchor der Chorschule Gropiusstadt an der Musikschule »Paul Hindemith« Neukölln ist ein junges Ensemble, dessen Mitglieder gleichwohl über langjährige musikalische Erfahrung und eine gute Ausbildung verfügen. Im Repertoire sind vier- bis sechsstimmige Werke aus allen Bereichen der Chormusik. Bevorzugt werden Jazz, Pop und Swing, internationale Lieder und Klassik. Viele Konzertreisen ins Ausland und spektakuläre Auftritte, auch im Fernsehen, zählen zu den Meriten des Chores. Obgleich die »gropies« einen beneidenswert niedrigen Altersdurchschnitt haben, ist Marcus mit seinen zwanzig Jahren auch hier der Jüngste. Zu Zweifeln an seiner Autorität gibt dieser Umstand freilich keinen Anlass. Wer hier das Sagen hat, ist klar und unbestritten. Merkel erfüllt diesen Anspruch mit einer wohltuenden Verbindung aus musikalischer Kompetenz und sprachlicher Eloquenz. Ziemlich locker gehen die zwei Stunden Probe - über die Runden, dabei intensiv, ohne Kunstpausen und mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail. Bei einer Neueinstudierung – Grieg in norwegischer Originalfassung – gibt es für den über die Sprache stolpernden Chor ein aufmunterndes »Das war doch schon sehr tapfer!« Als etwas zu viel Lockerheit einzureißen droht, zieht Merkel das Tempo an: »Jetzt das Ganze einmal in gemischter Aufstellung und auswendig!«

Den nächsten Auftritt haben die »gropies berlin« am 21. Juni, 20 Uhr, zur Fête de la Musique im Audimax der Humboldt-Universität. In der Vorbereitung darauf mussten sie für einige Zeit auf ihren Chorleiter verzichten. Ende Mai dirigierte Marcus Merkel im japanischen Kyoto das Abschlusskonzert des »Kyoto International Music Students Festival 2012« mit einem internationalen Studentenorchester. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht zum letzten Mal als Dirigent um die Welt geflogen ist.

Harry Mehner